Grau – eine Erfolgsgeschichte

Triste Regentage sind der Ernstfall für Farbgestaltungen im Außenraum. Hier müssen sie zeigen, ob sie auch in trüber Umgebung positiv-vertraut wirken oder eine bedrückend teilnahmslose Atmosphäre verbreiten. Und ob die vermeintlich positive Wirkung der Gestaltung an einem hellen Sonnentag nicht doch nur eine Folge des Sonnenscheins – nicht der Farbgestaltung – ist, der die Szenerie in ein freundliches Licht taucht.
Ich besuchte das Wittumspalais in Weimar an einem Regentag. Es erstrahlt von der Straßenseite aus in einem fetten Ocker, das mit sandsteinrot gestrichenen Einfassungen abgesetzt ist. Auch an einem trüben Tag ist die repräsentative Wirkung außerordentlich. Das nur von der Hofseite sichtbare Sockelgeschoss dagegen zeigt ein warm-grünliches Grau; dieser Farbton dominiert auch an sämtlichen Gebäuden, die an das Hauptgebäude angrenzen. Und auch die Hofansicht „funktioniert“ im Regen sehr gut: Kein Anflug von Tristesse oder Novemberstimmung. Warum?

 

 

 

1. Grau übernimmt die Funktion einer Farbpause, einer ausgiebigen, sehr großen Farbpause. Umso mehr lässt sich die Strahlkraft des Ockergelb inszenieren. Sie hebt und steigert alles!
2. Das Grau ist farbig, es hat einen warm-grünliche Nuance. In ihm sind sowohl das Natursteinpflaster als auch andere Körperfarben der Umgbung repräsentiert; es ist eingebunden.
3. Die Farbigkeit des Ensembles ist polychrom abgestimmt: Ein Element lebt im andern weiter. Seien es die Tönungen der Dachziegel, die sowohl an der Hauptfassade als auch im Sockelgrau wieder auftauchen, das Sandsteinrot, welches Dach und Faschen verbindet, die Farbigkeit der Türen und Sandsteinquader etc.
4. Der Blick des Betrachters wird sinnvoll geführt. Wichtiges erscheint farblich aktiv, Nebengeordnetes passiver. Das gilt nicht nur für Haupthaus und Nebengebäude, auch für das  gerostete Eisentor eines Erkereingangs.
Nun werden heute keine Palais dieser Art mehr gebaut. Aber die Kompositionsprinzipien der Farbgestaltung sind universell. Sie gelten auch für Einfamilienhäuser und Plattenbausiedlungen.