Kunst am Bau (2)

Wo Architektur aufhört, die Sehnsucht eines Nutzers, Betrachters, Stadtbewohners nach schöpferischer Lebendigkeit zu befriedigen, schlägt die Stunde von Kunst am Bau.
Sie kann den Eindruck vermitteln, dass der kulturelle Anspruch ans Bauen ja ohnehin aufgegeben wurde (man hat es mit Zweckbauten zu tun, also Funktionszonen mit Wänden drum herum und einem Deckel drauf, dass es nicht reinregnet und warm bleibt) und dass Kunst dran geheftet wird, um den Aufenthalt im Bauwerk erträglicher zu machen. Oder zu zeigen, dass man doch kein Banause ist. Oder sich dafür zu entschuldigen, dass man einer ist. Dumm nur, wenn die Entschuldigung als die nächste Zumutung erlebt wird. Und wenn sie aus Gründen des Urheberrechts so lange dran bleiben muss wie das Bauwerk steht, auch wenn die meisten Nutzer darunter leiden oder das Kunstwerk einfach nicht mehr aktuell ist.
Warum baut man nicht gleich etwas, das die Sinne anspricht? Warum sind so viele Bauten grau oder knallbunt. Warum ist farbig bauen so schwer?

Farbpsychologie. Womit beschäftigen sich Farbpsychologen?

Bilder vom Workshop "Farbpsychologie" mit Martin Benad

Als naturwissenschaftliche Disziplin ist Farbpsychologie ein Teilgebiet der Wahrnehmungspsychologie. Hier werden vor allem die klassischen Fragestellungen zur Psychophysik erforscht, also die gesetzmäßigen Zusammenhänge von physikalischen Reizen und mentalen (seelischen) Erlebnissen. Auch die Farbmetrik (wie man Farben bzw. Farbunterschiede messen und mathematisch darstellen kann) fällt in dieses Gebiet.
Die geisteswissenschaftlichen Aspekte der Farbpsychologie betreffen Themen zur Semantik (d.h. Bedeutungslehre), zur Sprachwissenschaft sowie zu Kunst und Kulturgeschichte.

Empirisch forschende Farbpsychologen interessieren sich unter anderem  für Fragen, die die Bereiche Neurobiologie, Soziologie und Lernpsychologie betreffen:
– alters-, geschlechts-, zeit- und kulturabhängige Farbpräferenzen (Vorzugsfarben, Lieblingsfarben)
– Wechselwirkungen zwischen visuellen Wahrnehmungen und Wahrnehmungen anderer Sinnesbereiche
– Wechselwirkungen zwischen Farbwahrnehmung und Erinnerungsvermögen bzw. Lernfähigkeit
– Einfluss der Farbwahrnehmung auf die Einschätzung von Umwelteigenschaften
– Veränderung der leiblichen / emotionalen / mentalen Disposition infolge von Farbwahrnehmung
Den ganzen Artikel finden Sie auf www.benad.com.

Synchromie: Vision einer klanghaften Farbigkeit (2)

Jürgen Opitz: Synchromie, pathetisch (Acryl auf Leinwand)

Klang ist das Zusammenwirken von mehreren (Farb-)Tönen, die in definierten harmonischen Verhältnissen zueinander stehen. Diese stimmige Beziehung untereinander stellt sich in der Musik wie auch in der Architektur und anderen Künsten als das sinnlich seelisch erlebbare Bild physikalischer und mathematischer Beziehungen dar.

Die Entsprechung und den bestmöglichen Ausdruck der universalen Weltordnung sahen bereits in der Antike die Pythagoräer in ganzzahligen rationalen Zahlenverhältnissen und geometrischen Grundformen, die als Inbegriff der Regelmäßigkeit und sinnhafter Gestalt den Harmonierbegriff gegenüber dem Chaos abgrenzen und kulturstiftend bis hin unsere Zeit hineinwirken.

Den vollständigen Aufsatz von Jürgen Opitz finden Sie zum Herunterladen auf www.synchromie.de

Kunst am Bau (1): Ist das Kunst oder kann das weg?

A: „Ist das Kunst oder kann das weg?“
B: „Beides. Das ist Kunst und kann weg.“
A: „Gilt das für Kunst im Allgemeinen oder nur für dieses spezielle Kunstwerk?“
B: „Das gilt für Kunst, die den Menschen nicht erreicht, die ihn kleiner macht als er ist (bzw. sein möchte), und für Kunst, die unfrei ist.“
A: „Gib mir konkrete Beispiele!“
B: „Gib sie Dir selbst. In Deinen Sinnen liegt die Kunst. In Deinem Sinnen. “

Farben mischen

Die Natur mischt keine Farben, sie bringt sie hervor.
Ihre Farbigkeit bildet ab, was in ihr vorgeht. Oder vielleicht auch wer in ihr vorgeht. Oder besser gesagt: wie er/sie/es in ihr vorgeht. Denn Farben sind ein WIE (eine Modalität) für die Sinne, kein WAS.
So betrachtet sind Farben ein Bild (ein Ausdruck) der Natur. Farben sind aber auch ein Teil der Natur. Sie sind Bild und Wirklichkeit zugleich. Wie ist das zu verstehen?
Ob es mit der Rolle des Wahrnehmenden zusammen hängt, für den die Natur als Bild erscheint, sobald er den Standpunkt des Betrachters einnimmt?
Oder einfach nur mit der Grundvoraussetzung, die eingangs gemacht wird: dass nämlich Natur nur zu einem Teil sinnlich erscheint. Aber das ist eine Binsenweisheit.
Trotzdem: Beim Wahrnehmen von Farben ist dieser zweifache Aspekt immer lebendig. Vielleicht meinte Goethe das mit seinem Terminus „sinnlich-sittliche Wirkung der Farben“?

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Grau – eine Erfolgsgeschichte

Triste Regentage sind der Ernstfall für Farbgestaltungen im Außenraum. Hier müssen sie zeigen, ob sie auch in trüber Umgebung positiv-vertraut wirken oder eine bedrückend teilnahmslose Atmosphäre verbreiten. Und ob die vermeintlich positive Wirkung der Gestaltung an einem hellen Sonnentag nicht doch nur eine Folge des Sonnenscheins – nicht der Farbgestaltung – ist, der die Szenerie in ein freundliches Licht taucht.
Ich besuchte das Wittumspalais in Weimar an einem Regentag. Es erstrahlt von der Straßenseite aus in einem fetten Ocker, das mit sandsteinrot gestrichenen Einfassungen abgesetzt ist. Auch an einem trüben Tag ist die repräsentative Wirkung außerordentlich. Das nur von der Hofseite sichtbare Sockelgeschoss dagegen zeigt ein warm-grünliches Grau; dieser Farbton dominiert auch an sämtlichen Gebäuden, die an das Hauptgebäude angrenzen. Und auch die Hofansicht „funktioniert“ im Regen sehr gut: Kein Anflug von Tristesse oder Novemberstimmung. Warum?

 

 

 

1. Grau übernimmt die Funktion einer Farbpause, einer ausgiebigen, sehr großen Farbpause. Umso mehr lässt sich die Strahlkraft des Ockergelb inszenieren. Sie hebt und steigert alles!
2. Das Grau ist farbig, es hat einen warm-grünliche Nuance. In ihm sind sowohl das Natursteinpflaster als auch andere Körperfarben der Umgbung repräsentiert; es ist eingebunden.
3. Die Farbigkeit des Ensembles ist polychrom abgestimmt: Ein Element lebt im andern weiter. Seien es die Tönungen der Dachziegel, die sowohl an der Hauptfassade als auch im Sockelgrau wieder auftauchen, das Sandsteinrot, welches Dach und Faschen verbindet, die Farbigkeit der Türen und Sandsteinquader etc.
4. Der Blick des Betrachters wird sinnvoll geführt. Wichtiges erscheint farblich aktiv, Nebengeordnetes passiver. Das gilt nicht nur für Haupthaus und Nebengebäude, auch für das  gerostete Eisentor eines Erkereingangs.
Nun werden heute keine Palais dieser Art mehr gebaut. Aber die Kompositionsprinzipien der Farbgestaltung sind universell. Sie gelten auch für Einfamilienhäuser und Plattenbausiedlungen.

Farbe und Typografie / Tiefgarage am Beethovenplatz in Weimar

Ende Mai 2012 war ich für einige Tage in Weimar. Ich will hier nicht von der beeindruckenden Farbigkeit der (überwiegend klassizistischen) Fassaden und Interieurs berichten, sondern von meinem ersten Farbeindruck, den ich direkt bei der Ankunft, beim Abstellen des Autos in der Tiefgarage am Beethovenplatz, erhielt.

Detail der Wandgestaltung im zweiten Untergeschoss (Friedrich Ernst v.Garnier)

Die Tiefgarage ist bald 15 Jahre alt, und seit ihrer Errichtung ist viel über Farbkonzepte in Tiefgaragen diskutiert worden. Ob man heute weiter ist als Friedrich Ernst von Garnier vor 15 Jahren, der für Planung und Realisierung des Tiefgaragenfarbkonzepts verantwortlich ist, darf bezweifelt werden. Er schrieb die Namen prominenter Persönlichkeiten Weimars in einer farbig verwobenen Typografie an die Wände. Im 2. UG in Gelbtönen, im 1. UG in Grüntönen, im Fußgängerbereich (Treppe, Lift) in Blautönen.

Wandmalerei im Fußgängerbereich

Diese Wandmalerei hat nichts von plakativer Werbung, didaktischer Nutzerbevormundung oder sonstiger Propaganda. Sie wirkt relativ harmonisch eingebunden und bezieht ihre Spannung aus dem Kontrast zwischen strenger Typografie und organischen Fließformen. Man kann die differenzierten Farbflächen ansehen, ohne lesen zu müssen, darf seinen Intellekt aber gerne auch bemühen, wenn man Namen entziffern will. Eine schöne Einstimmung auf die grandiosen Eindrücke, die dann in Goethe-, Schiller-, Liszthaus etc. folgten.

Digitaler Farbatlas 5.0

Wer Farbentwürfe digital präsentiert (vom Erstellen ganz einmal ganz abgesehen), wird kaum um den „Weltatlas der Farbe“, den Digitalen Farbatlas in seiner aktuellen Version 5.0 herumkommen. Der Architekt und Farbgestalter Jürgen Opitz gibt auf www.architekturfarben.de einen fundierten Überblick über die Besonderheiten der bemerkenswerten Software.

Digitale Farbchips im Entwurfsplan

 

Synchromie: Vision einer klanghaften Farbigkeit (1)

Ein Klassiker seit Jahrhunderten ist der immer wieder neu gewagte Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen den scheinbar nahe liegenden, manchmal auch weit hergeholt erscheinenden Beziehungen von Tönen und Farben, von Musik und farbigem Gestalten. Oft visionär spekulativ aus unbelegbaren Quellen schöpfend und ebenso oft pseudowissenschaftlich mathematisch hergeleitet, wurde nach einem Übersetzungsschlüssel gesucht, der es ermöglicht, Gesetzmäßigkeiten der höher entwickelteren und ausgefeilteren musikalischen Harmonielehre auf den Bereich des Farbigen anzuwenden. Analogie ist jedoch nicht Gleichung und Annahmen, wie der Ton C entspreche Rot oder Gelb….

Jürgen Opitz: Farbgedicht (Acryl auf Leinwand)

Der (Farb-) Klang ist das sinnlich und seelisch erlebbare Bild des Zustands der Beziehung seiner Bestandteile untereinander, der Begriff von Qualität an sich. Bestimmend für den Klang als Gegensatz zum chaotischen, ungeordneten, zufälligen Geräusch ( in der Farbe: Buntheit) ist der der innere Zusammenhang der Klangbestandteile, nämlich das, was die einzelnen Töne außer der gemeinsamen Zeit- oder Räumlichkeit verbindet: die Harmonie.
Den vollständigen Aufsatz von Jürgen Opitz finden Sie zum Herunterladen auf www.synchromie.de

Farbe ist nicht wissbar

Farbe ist eine Sinnesempfindung. Der Architektur-Farbgestalter gestaltet die Empfindungen der Raumnutzer, wahlweise im Innen- oder Außenraum. Mit Empfindung kann man sich nur empfindend auseinandersetzen. Es gibt kein „Farbwissen“. Farbe ist nicht wissbar. Auch der Aufbau des NCS-Systems ist kein Farbwissen, sondern angewandte Empfindung. Alles Erklären, wie NCS aufgebaut ist, ist ein Sprechen über Empfindungen.
Parallel zur „Empfindungsarbeit“ klärt der Gestalter die Frage: Welches Bedürfnis / welchen Bedarf soll die Gestaltung befriedigen? Das ist ein intellektuelles Problem (bei oberflächlicher Betrachtung), eine moralisches Problem (bei ehrlichem Interesse an der Fragestellung seines Kunden).

Die geringe Wertschätzung, mit der sich die Tätigkeit des Farbgestalters manchmal auseinander zu setzen hat, leitet sich zum einen daraus ab, dass über die Ziele, die mit Farbgestaltung verfolgt werden, nur undifferenziert und oberflächlich nachgedacht wird.  Zum anderen ist die Sensibilität gegenüber den gewaltigen Möglichkeiten des Mediums Farbe nur ansatzweise entwickelt, sowohl beim Auftraggeber als auch beim Gestalter. Mit anderen Worten: Die Fähigkeit Farben zu empfinden (das heißt: die Wechselwirkung von Farbtönen, Proportionen, Materialien usw. im Empfinden abzubilden)  ist oft nicht in der Weise ausgebildet, wie es die Bewältigung komplexer Architekturprojekte und Raumsituationen verlangt.